Satt & Sauber
Ich wollte nie „satt und sauber“ pflegen.
Die letzten Tage haben etwas in mir ausgelöst.
Nicht nur als Angehörige.
Sondern auch als Krankenschwester.
Und vielleicht trifft es mich deshalb so sehr.
Ich weiß, wie Pflege aussieht.
Ich weiß, wie Stationen funktionieren.
Ich weiß, was Personalmangel bedeutet. Ich kenne Zeitdruck, Überstunden, Krankheitsausfälle und dieses Gefühl, gleichzeitig an fünf Orten sein zu müssen.
Ich kenne die Dienste, nach denen du Feierabend hast und plötzlich merkst, dass du kaum noch pinkeln kannst, weil du den ganzen Tag angehalten hast.
Ich kenne diese trockene Kehle am Nachmittag, weil der Kaffee zu Hause am Morgen das Letzte war, was du getrunken hast.
Ich kenne das Gefühl, wenn du irgendwann feststellst, dass du selbst an diesem Tag irgendwo zwischen Klingeln, Telefon, Medikamenten, Dokumentation und dem nächsten Patienten einfach nicht mehr vorgekommen bist.
Ich weiß auch, dass Kolleginnen und Kollegen manchmal einfach irgendwo Dampf ablassen müssen.
Weil irgendwann nichts mehr geht.
Ich weiß das alles. Ich war mittendrin.
Aber ich weiß auch, wie ich Pflege einmal gelernt habe.
Und warum ich diesen Beruf gewählt habe.
Pflege war für mich nie nur:
Medikamente verteilen.
Essen hinstellen.
Waschen.
Lagern.
Dokumentieren.
Satt und sauber.
Pflege bedeutete für mich immer auch: hinschauen.
Merken, wenn jemand anders atmet als gestern.
Wahrnehmen, dass jemand Angst hat, obwohl er sagt, es gehe schon.
Zuhören, wenn ein Angehöriger etwas erzählt, das vielleicht medizinisch wichtig sein könnte.
Einen Menschen nicht nur als Diagnose, Bettplatz oder nächsten Punkt auf der To-do-Liste sehen.
Und genau das beschäftigt mich gerade sehr.
Da liegt ein alter, kranker Mensch im Bett.
Um ihn herum laufen Übergaben, Gespräche und Planungen. Entscheidungen werden getroffen und manchmal am nächsten Tag wieder verworfen. Angehörige versuchen zu verstehen, was eigentlich passiert. Versuchen Informationen zusammenzusetzen. Stellen Fragen. Erzählen Dinge, die vielleicht wichtig sind.
Und auf dem Flur hört man währenddessen Personalgespräche.
Frust.
Ärger.
Beschwerden über Kolleginnen und Kollegen.
Sich gegenseitig auskotzen.
Und wisst ihr was?
Ich verstehe sogar, warum das passiert.
Ich kenne diesen Moment, in dem man einfach rauslassen muss, was einen gerade ankotzt. Ich kenne das Bedürfnis, zur Kollegin zu sagen: „Ich kann nicht mehr.“
Aber bitte nicht dort.
Nicht auf dem Flur.
Nicht vor Patienten.
Nicht vor Angehörigen.
Das ist nicht professionell.
Denn die Menschen in diesen Betten hören das.
Sie bekommen viel mehr mit, als wir manchmal glauben.
Und wer krank in einem Krankenhausbett liegt, ist ohnehin verletzlich. Vielleicht hat er Angst. Vielleicht versteht er gerade selbst kaum, was mit ihm passiert. Vielleicht hat er das Gefühl, die Kontrolle über sein eigenes Leben zu verlieren.
Er sollte nicht zusätzlich das Gefühl bekommen, eine Belastung für ein System zu sein, das sowieso schon kurz vorm Überlaufen steht.
Und nein:
Das hier soll kein Fingerpointing sein.
Ich möchte niemanden an den Pranger stellen.
Ich weiß, dass unglaublich viele Menschen in der Pflege jeden einzelnen Tag versuchen, unter teilweise unmöglichen Bedingungen gute Arbeit zu leisten.
Ich weiß, wie viele Kolleginnen und Kollegen länger bleiben.
Wie viele ihre Pause ausfallen lassen.
Wie viele nach Hause gehen und trotzdem noch an den Patienten aus Zimmer 12 denken.
Vielleicht erschüttert es mich gerade genau deshalb so sehr.
Weil ich sehe, was aus einem Beruf werden kann, wenn für das Wesentliche immer weniger Raum bleibt.
Und mir wird rückblickend immer klarer, warum ich irgendwann nicht mehr so arbeiten konnte.
Ich wollte meine Empathie nicht verlieren.
Ich wollte niemals an den Punkt kommen, an dem ein Mensch für mich nur noch „Zimmer sowieso“ ist.
Ich wollte nicht abstumpfen müssen, um meine Schicht zu überstehen.
Und ich wollte niemals nur satt und sauber pflegen.
Denn Pflege ist so viel mehr.
Pflege ist beobachten.
Pflege ist zuhören.
Pflege ist erklären.
Pflege ist wahrnehmen.
Pflege ist Würde.
Pflege ist Beziehung.
Pflege ist manchmal auch einfach, für zwei Minuten stehenzubleiben, sich auf die Bettkante zu setzen und einen Menschen wirklich anzusehen.
Vielleicht können wir die großen Probleme unseres Gesundheitssystems nicht auf einem Krankenhausflur lösen.
Wir können den Personalmangel nicht wegzaubern.
Wir können keine zusätzlichen Hände herbeireden.
Und wir können aus einem völlig überlasteten System nicht durch ein bisschen guten Willen plötzlich ein funktionierendes machen.
Aber vielleicht können wir eines bewahren:
Den Blick für den Menschen.
Hinschauen.
Wahrnehmen.
Zuhören.
Und uns immer wieder daran erinnern, für wen wir dort eigentlich arbeiten.
Nicht für Betten.
Nicht für Fallzahlen.
Nicht für Diagnosen.
Für Menschen.
Und wenn wir das irgendwann verlieren, haben wir in der Pflege sehr viel mehr verloren als nur Personal.