Pass auf dich auf
Das Telefon klingelt abends gegen 20 Uhr.
Und eigentlich weiß man schon, dass nichts Gutes kommt, wenn um diese Uhrzeit die Nummer der Klinik auf dem Display steht.
„Mein Dad ist tot.“
Dieser Satz ist seitdem in meinem Kopf.
Kann doch gar nicht sein.
Wir haben doch vor drei Stunden noch miteinander geredet. Wir haben gelacht. Wir wollten uns am nächsten Tag gemeinsam den Plan seiner neuen Wohnung anschauen.
Nichts deutete darauf hin.
Und doch irgendwie alles.
Mein Vater war seit Jahren ein schwerkranker Mann. Und vor allem war er seit neun Jahren ein Mann, der seine Frau vermisst hat.
Meine Ma.
Wenn er gekonnt hätte, wäre er ihr vermutlich lieber heute als morgen hinterhergereist.
Aber er hatte noch ein paar Aufgaben.
Er wollte sein Enkelkind groß werden sehen. Den Schulabschluss miterleben. Wissen, was danach kommt. Wissen, welchen Weg dieses Kind einmal gehen wird.
Und vielleicht hat ihn genau das noch eine ganze Weile hier gehalten.
Mein Vater war nicht immer einfach.
Er konnte knurrig sein. Ungerecht. Stur. Manchmal schwer auszuhalten.
Und trotzdem hatte ich immer ein gutes Zuhause.
Manche Dinge aus meiner Kindheit und unserem gemeinsamen Leben betrachte ich heute kritisch. Das darf ich auch. Manches mache ich bei meinem eigenen Kind bewusst anders.
Liebe bedeutet schließlich nicht, alles schönreden zu müssen.
Aber diese letzten gemeinsamen Tage haben mir noch einmal einen anderen Menschen gezeigt.
Einen Menschen, von dem ich glaube, dass er immer da gewesen ist.
Nur ziemlich gut versteckt.
Mein Vater hatte sich im Laufe seines Lebens eine dicke Schutzschicht zugelegt. Vielleicht brauchte er sie irgendwann. Vielleicht hatte das Leben ihm beigebracht, dass man besser nicht zu viel von sich zeigt.
In den letzten Wochen ist diese Schicht Stück für Stück abgebröckelt.
Und darunter kam ein sehr zarter, warmherziger Mensch zum Vorschein.
Vielleicht genau der Mann, in den meine Mutter sich damals einmal verliebt hatte.
Er war in diesen letzten Wochen so liebenswert.
So weich.
Als wäre dieses Schutzschild einfach weggeschmolzen.
Alles Schutz weg.
Und nur noch der sanfte Kern.
Wir haben viel miteinander geredet.
Ohne zu wissen, dass es unsere letzten gemeinsamen Gespräche sein würden.
Heute denke ich ständig an diese Sätze.
An ganz alltägliche Dinge.
An Geschichten aus seiner Armeezeit vor mehr als fünfzig Jahren.
An ehemalige beste Freunde.
An Familie.
An seine Geschwister.
An Dinge, über die man jahrzehntelang vielleicht nie gesprochen hat und die plötzlich wichtig werden.
Und dann gab es diese anderen Sätze.
„Was machen wir denn, wenn ich hier nicht mehr rauskomme?“
Und ich antwortete:
„Dann schauen wir alle in den Himmel.“
Vielleicht war da längst etwas in ihm, das wir beide noch nicht richtig verstanden haben.
Es gab plötzlich unglaublich viel Reflexion.
Über sein Leben.
Über Entscheidungen.
Über Menschen.
Über Dinge, die gut gelaufen sind.
Und über Dinge, die er vielleicht heute anders machen würde.
„Ich bereite dir so viel Kummer.“
„Du trittst unbedingt deine Reha an.“
„Paul wird seinen Weg gehen.“
Und:
„Sag Paul, er soll immer den Kontakt zu seinen Freunden halten. Ich habe es nicht getan.“
Solche Sätze bleiben.
Vielleicht waren sie sein Vermächtnis, ohne dass einer von uns wusste, dass sie eines werden würden.
In den letzten Wochen habe ich mich unzählige Male von ihm verabschiedet.
Zwanzigmal letzte Worte.
Vielleicht sogar noch öfter.
Meine waren fast immer dieselben.
„Mach es gut, mein Lieber.“
Dazu ein Streicheln über seine Wange, den weißen weichen Bart.
Und seine?
Fast immer:
„Pass auf dich auf.“
Gestern Abend, nach diesem Telefonat, war sehr schnell klar: Wir wollen noch einmal in die Klinik.
Wir wollten ihn sehen.
Begreifen.
Uns auf unsere Art verabschieden.
Und Aikos erste Worte waren:
„Nun wird er nicht erfahren, dass ich Aiko bin.“
Auch so ein Satz, der sich irgendwo festsetzt.
Mein Vater kannte Paul.
Er liebte Paul.
Und er wird Aiko nicht mehr kennenlernen.
Zumindest nicht so, wie wir es uns irgendwann vielleicht vorgestellt hatten.
Seit inzwischen gut zwanzig Stunden erinnere ich mich.
Wir erinnern uns.
Wir reden.
Wir erzählen Geschichten.
Wir lachen.
Wir schmunzeln.
Wir schütteln den Kopf.
Und zwischendurch trifft einen wieder dieser eine Gedanke mit voller Wucht:
Er ist wirklich tot.
Und dann weine ich, um später wieder zu lächeln.
Dazwischen wälze ich Papiere.
Suche Unterlagen.
Telefonnummern.
Verträge.
Schlüssel.
Versuche herauszufinden, was jetzt getan werden muss.
Der Tod ist erstaunlich bürokratisch.
Während der Kopf versucht zu begreifen, dass ein Mensch nicht mehr da ist, möchte irgendwo jemand eine Vertragsnummer wissen.
Vielleicht ist genau das gerade Trauer.
Nicht nur Weinen.
Sondern Erinnern.
Erzählen.
Lachen.
Organisieren.
Fassungslos sein.
Und fünf Minuten später über irgendeine alte Geschichte schmunzeln.
Mein Vater war nicht perfekt.
Unsere Beziehung war gut, aber nicht perfekt.
Unsere Familie war es auch nicht.
Aber er war mein Dad.
Und ich war seine Tochter.
Und ich bin unendlich dankbar für diese letzten Wochen.
Für diesen Blick hinter seine Schutzschicht.
Für die Gespräche.
Für sein Vertrauen.
Für seine Geschichten.
Für den sanften Menschen, den er uns am Ende noch einmal so deutlich gezeigt hat.
Nun bin ich diejenige, die seine Geschichten weitertragen kann.
In unserer Familie.
Zu meinem Kind.
Und vielleicht auch ein bisschen hinaus in die Welt.
Seine letzten Worte an mich waren:
„Pass auf dich auf.“
Ich werde es versuchen, Dad.
Mach es gut, mein Lieber.