Zwischen Mond und Abendrot

Zwischen Mond und Abendrot
Sonnenuntergang

Gestern Abend war ich mit dem Hund draussen spazieren.
Und ich wusste nicht, wohin ich zuerst schauen sollte.

Auf der einen Seite: der Mond.
Rund. Still. Fast vollkommen.
Er hing am Himmel, als hätte er keine Eile. Als hätte er alle Zeit der Welt.

Auf der anderen Seite: der Sonnenuntergang.
Ein Himmel in Rosa, Apricot, Gold.
Wolken, die aussahen, als würden sie glühen.
Zwei Vögel zogen ihre Bahn durch das Licht, als wollten sie sagen:
Wir gehen weiter.

Ich stand dazwischen.

Zwischen Mond und Abendrot.
Zwischen Bleiben und Vergehen.
Zwischen Licht, das kommt – und Licht, das geht.

Und plötzlich dachte ich:
Genau so fühlt sich mein Leben gerade an.


Es gibt Tage, da bin ich wie der Sonnenuntergang.
Alles ist intensiv.
Farbig.
Manchmal überwältigend.
Schön – und gleichzeitig ein bisschen schwer.
Ein Wissen darum, dass jeder Tag auch vergeht.
Dass Kraft nicht selbstverständlich ist.

Und dann gibt es diese andere Seite.
Den Mond in voller Pracht.
Still. Ruhig.
Nicht laut, nicht dramatisch.
Einfach da.

So wie diese Momente, in denen ich einfach bin.
Ohne Angst.
Ohne Grübeln.
Ohne Morgen.

Nur hier.


Ich merke immer mehr:
Das Leben ist kein Entweder-oder.

Es ist Mond und Abendrot.
Es ist Auf und Ab.
Es ist Müdigkeit und Kraft.
Es ist Sorge und Hoffnung.

Beides darf da sein.
Vielleicht muss beides auch sein.

Vielleicht ist genau das die Übung.
Nicht nur die hellen Farben festhalten zu wollen.
Nicht nur auf den Mond zu warten, wenn es dunkel wird.
Sondern den Augenblick zu nehmen, wie er sich zeigt.

Gestern war es dieser Himmel.
Dieses unglaubliche Gleichgewicht aus Gegensätzen.
Und ich mittendrin.


Ich habe nicht an Blutwerte gedacht.
Nicht an Hüfte.
Nicht an Therapien.

Ich habe nur geschaut.
Geatmet.
Gestanden.

Hier.
Jetzt.

Und für einen Moment war nichts zu viel.
Nichts zu wenig.
Nur genau richtig.

Vielleicht ist das Leben genau das:
Nicht das große „Irgendwann“,
sondern dieser eine Abend,
an dem Mond und Sonne sich gleichzeitig zeigen
und man begreift —

es ist alles da.

Und ich auch.

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