Das Mädchen mit dem ernsten Blick
Neulich habe ich ein altes Foto von mir in die Hand genommen.
Anfang der 80er. Rote Jacke. Pony. Großer weißer Rahmen.
Ich schaue nicht lachend in die Kamera.
Ich schaue auch nicht traurig.
Ich schaue einfach.
Nachdenklich.
Ruhig.
Aufmerksam.
Mein Vater meinte, ich sei auf dem Bild bestimmt schon 10 gewesen.
Ich glaube eher, ich war sieben.
Frühe Grundschule. Noch Kinderwangen, aber schon dieser Blick, der mehr wahrnimmt als laut gesagt wird.
Und während ich dieses Foto ansah, hatte ich plötzlich das Gefühl:
Das bin ich.
Nicht nur damals. Auch heute.
Dieses Mädchen wirkt kontrolliert.
Als würde sie innerlich alles sortieren.
Als würde sie versuchen, die Welt zu verstehen, bevor sie sich ganz in sie hineinwirft.
Ich erkenne das.
Ich war immer eher leise als laut.
Eher beobachtend als stürmend.
Eher vorsichtig als draufgängerisch.
Und wenn ich ihr heute etwas sagen dürfte, dann wäre es:
"Du musst dir keine Sorgen machen.
Alles wird gut. Und es ist gut.
Du darfst ein bisschen weniger kontrolliert durchs Leben laufen."
Nicht, weil Kontrolle falsch ist.
Sie war mein Schutz.
Mein Sicherheitsgurt.
Mein inneres Ordnungssystem in einer Welt, die sich nicht immer ordentlich anfühlte.
Aber heute weiß ich:
Nicht alles braucht meine Wachsamkeit.
Nicht jeder Gedanke muss überprüft werden.
Nicht jede mögliche Gefahr muss vorher bedacht sein.
Ich durfte wachsen.
In meinem Beruf, der Pflege.
Im Leben.
In Krankheit und Heilung.
In Verlust und Liebe.
Die Ernsthaftigkeit ist geblieben.
Die Wachheit auch.
Aber sie ist weicher geworden.
Wenn ich das Foto heute anschaue, sehe ich kein ängstliches Kind.
Ich sehe ein sensibles, kluges, tiefes Mädchen, das versucht hat, sicher durch die Welt zu gehen.
Und ich sehe eine Frau, die gelernt hat, sich selbst zu beruhigen.
Vielleicht ist das das eigentliche Erwachsenwerden:
Nicht härter zu werden.
Nicht lauter zu werden.
Sondern liebevoller mit sich selbst.
Dieses Mädchen von damals muss heute nichts mehr kontrollieren.
Heute halte ich das und schütze sie.
Und manchmal – wenn ich ganz ehrlich bin –
darf ich auch einfach sieben sein.
Und nur schauen.