Das Vermächtnis einer kranken Frau

Hinter mir liegen zwei Tage mit sehr wenig Schlaf…hinter mir liegt Enttäuschung…hinter mir liegen Monate des Bangen und Hoffens…
manchmal ist es angenehmer zu schweigen als zu reden…
aber, ich glaube es werden viele Menschen darüber schweigen und deshalb möchte ich reden…erzählen und aufmerksam machen…sensibilisieren…

WARUM?
Das ist die einzige Frage die am Ende stehen bleiben wird…auf die es keine Antwort gibt

es ist eine Geschichte die zeigt das schweigen nicht immer sinnvoll ist…das man manchmal aussprechen muss was man denkt…ich werde hier (aus Datenschutz- und Personengründen sowieso) keine Namen von Personen und wirklichen Orten nennen…

der Hintergrund der Geschichte ist wahr und wurde mir mittlerweile auch beweisend bestätigt, der Rahmen aber fiktiv…ich sage schon mal vorweg ich wurde im Gegensatz zu vielen anderen nicht materiell geschädigt, sondern fühle mich emotional mißbraucht…
die Person nenne ich X…

Es war einmal:
Alles begann irgendwann im September in irgendeinem Jahr und endete im Jahr darauf im März…
auf einer Austauschplattform traf ich auf eine junge Frau – X…eigentlich waren wir beide dort schon länger aktiv…dieses mal zog sie meinen Blick auf sich…mit einem Satz der mich berührte…“ich habe Brustkrebs“…

ich gehöre nicht zu den Leuten die du mit nem Hundewelpen um den Finger wickeln kannst…eigentlich bin ich sehr misstrauisch und das Wort „Freunde“ ist eher ne Auszeichnung als nen Wort das ich tgl. in den Mund nehme…
ich schrieb also unter diesen Post „meld dich ruhig bei mir wenn du reden willst“…
ich kenn die Situation…du bekommst die Diagnose und stehst allein in diesem Wald aus dem du keinen Ausgang findest…du bist dankbar für jeden der dich ein Stück an die Hand nimmt…

was dann allerdings folgte war über 5 Monate ein Konstrukt aus Lügen…im Nachblick, habe ich es die ganze Zeit gewusst…nun ja auf Geschichte guckst du immer zurück und kennst dabei das Ergebnis…
trotzdem…ich wußte es…und hab mich immer wieder ablenken lassen…ging ich auf Abstand, kam irgendetwas Neues…bei anderen Menschen erzählte sie, ich sei ihre beste Freundin…ich wunderte mich…weil ich nicht wußte wie ich den Status erreicht haben soll…und ich selbst auch ganz anders fühlte…

aber der Reihe nach…
wir freundeten uns an…tauschten uns aus…aber, fast von Anfang an, gab es immer wieder Dinge in den Erzählungen die mich stutzig machten…mal war es ein komisch ausgefüllter Überweisungsschein…ein anderes mal ein Therapieplan der nie im Leben so gestellt worden sein kann…und immer wenn ich tiefer gehen wollte, dann wurde ich schnell vom Thema weggelenkt…im Nachblick, haben wir über alles immer nur ein einziges Mal gesprochen…
irgendwann nach vier Wochen teilte sie mir mit das der Krebs gestreut hat…sie sitzt voll und eine Therapie ist sinnlos…bis dato hatte sie diese auch noch nicht angetreten…es kam immer wieder irgendwas dazwischen…mal Fieber, mal ne Erkältung…sucht euch was aus…

wir trafen uns allein…redeten…und später trafen wir uns auch einmal mit unseren Familien im Anhang…
mein Mann sagte im Anschluss dieses Treffens „wenn ich von dir nicht wüßte das sie sterbenskrank ist, dann würde ich sagen das ist ne ganz normale Familie“…
wie recht er behalten sollte…

Situationen spitzten sich immer mehr zu…keine Therapie…starke Schmerzen…
sie wollte einen Palliativplatz zur richtigen Schmerzeinstellung…da ich Kontakte in diesen Bereich habe, kam ich ihr zu Hilfe…sie bekam binnen kurzer Zeit einen Platz…
klar…junge Frau, Kinder, Familie…
da versucht jeder irgendwie zu helfen…
diesen Platz hat sie nie angetreten…am Aufnahmetag sagte sie ihn erstmal ab…sie müsse bei ihrer Familie bleiben…die braucht sie jetzt mehr…
sie stand fast 4 Monate auf der Prioliste dieser Palliativstation…

dann hieß es sie würde Weihnachten nicht mehr erleben…
hätte ein Arzt ihr so gesagt…auch da kam dieses kleine Männchen auf meine Schulter…
wer sagt sowas?
wer gibt sich das Recht das so genau zu wissen?
bis Weihnachten waren zu diesem Zeitpunkt noch gut 5 Wochen…

Und auf einmal befand ich mich in der WhatsApp Gruppe „Beste Freunde“…dort waren noch eine Handvoll anderer Frauen…
es war nett, aber im Mittelpunkt stand X…und immer auch ihre liebenswürdige Art…“wie geht es euch?“ „kann ich euch helfen?“…dann wieder wie arm sie doch dran sei…
auch vor den sozialen Netzwerken dieser Zeit machte sie keinen Halt…auf einmal sah ich überall nur noch ihren Namen…

dann die Frage „ich hatte noch nie einen selbstgemachten Adventskalender…würdest du mir einen machen?“
haha…klar…wer schlägt einer Frau die vllt Weihnachten nicht erlebt diesen Wunsch ab…
spannender Weise sah ich dann in den folgenden Tagen so einige Adventskalender die man ihr wohl geschickt hatte…
sie bekam Veranstaltungskarten…Reisen…Geschenke von Hilfsorganisationen…und die Leute um sie rum fingen an Geld für sie zu sammeln…
sie selbst stellte „letzte Wünsche“ Listen ins Netz…spannend war, das diese Listen immer wieder verschwanden…sie blieben nur nen kurzen Augenblick

mit mir stieg sie immer tiefer in die Krankheitsmaterie ein…und ich erzählte zumindest das was ich wußte…sie hatte Übelkeit und Erbrechen…ich erklärte das man bei ihrer Metastasenlage immer mit Bauchwasser rechnen muss…das man das punktieren kann…das war Ende November…

es war Anfang Dezember als ich eines Abends zu meinem Mann sagte „wir müssen mal reden“…naja eigentlich redete nur ich…wie schäbig ich mich für meine Gedanken fühlte…irgendwas stimmte da nicht…ich bin eigentlich sehr empathisch veranlagt…Vorurteile prallen an mir ab, ich mach mir gern mein eigenes Bild…aber hier passierte etwas anderes mit mir…schleichend…ich zog mich immer mehr zurück…
wollte ihr aber auch nicht so weh tun und den Kontakt abbrechen…also ging die Gruppe auf stumm…
kurze Zeit nach dem Gespräch mit meinem Mann las ich abends im Gruppenchat eine Nachricht…ihr geht es nicht gut…sie hätte so starke Schmerzen…und dieses Erbrechen…sie würde nun in die Klinik fahren…
wir nahmen alle Anteil…blieben auf bis sie zwei Stunden später Entwarnung gab…
sie hätte jetzt ein CT bekommen und man hat Bauchwasser abpunktiert…
wow…ab da merkte ich das alles eintrifft was wir vorher besprochen haben…es fühlte sich an als würden meine Informationen in ein Drehbuch einfließen…
aber wer je in einem Krankenhaus war, und schon ganz in einem Wald- und Wiesenort, der weiß das es von Abfahrt bis nach Hause kommen keine zwei Stunden dauert, egal wie krank du bist…und schon garnicht wenn die da so eine Diagnostik starten…

was also tun mit meinen Gedanken?
puh…bloss nicht laut äußern…alle anderen sind so hilfsbereit und liebenswürdig…und du zweifelst hier alles an…
Was bist du für ein Mensch?
Wo ist deine Empathie?

Nun ja, wie für mich schon zu erwarten, Weihnachten kam und ging…genauso auch Silvester…auf einmal wurden ihre, zu Beginn noch recht kleinen, Wünsche größer…war es erst nur ein selbstgemachter Kalender…eine Postkarte…so war es nun die Reise um die Welt…der Kaffeevollautomat…der tolle Computer…coole Schuhe…was auch immer…und fast tägliche Besuche bei der Kosmetikerin…alle Wünsche wurden immer schön subtil vorgetragen…

wow…ganz ehrlich?
ich stellte mir mehr als einmal die Frage was das soll?
permanent tauchten Bilder von irgendwelchen Events auf…
immer mit dem Nachsatz „es könnt ja das letzte mal sein“…

ja und dann brauchte ich meine letzte Gewissheit…ich erzählte niemanden davon…nicht mal meinem Mann…aber für mein Vorhaben musste ich sie noch einmal sehen…
und so trafen wir uns Ende Februar zum Essen im Wald- und Wiesenort…
ein erster Blick in ihr Gesicht sagte mir was ich wissen musste…diese Frau war vielleicht krank…aber sie würde weder heute noch morgen das zeitliche segnen…sie sah kerngesund aus…leidlicher Blick und langsamer schwerer Schritt wenn du sie beobachtest…da hatte wohl jemand vergessen das passende Make up aufzulegen…und diese Augen…wow…ich hab noch nie so strahlende Augen gesehen…obwohl doch…auf einem Foto das sie machte als sie sich ein Hospiz anschauen wollte…

ich bin an diesem Tag mit einer tiefen Gewissheit nach Hause gefahren…du kannst den Kontakt abbrechen…du tust hier nichts verwerfliches…und bist vor allem nicht unmenschlich…
ich habe den Kontakt aber nicht abgebrochen…zumindest nicht sofort und direkt…
dafür mussten noch ein paar Tage vergehen…
aber, ich war nicht mehr sehr aktiv…
dann kam dieses Nachmittag…ich schaute auf mein Handy…eine Nachricht von Z…die war mit mir in dieser Gruppe…und sie hat mich allein angeschrieben…nur ein Satz „wir müssen reden“…cool…den hab ich doch auch schon mal gesagt…also redeten wir…wir zwei, die besten Freunde von X…und dieses Reden sollte lange sein…fast 24 Stunden…zu mir und Z gesellte sich nun auch noch J…
…wir gründeten quasi unsere eigene Gruppe „Rebellion“…und recherchierten was das Zeug hält…und da das www nichts vergisst wurden wir an vielen Stellen und in vielen zurück liegenden Jahren fündig…

wir hatten hier in ein richtig großes Wespennest gestochen…das Gefühl war mir bis dato auch neu…
ich stieg noch am selben Abend aus dieser „beste Freunde“ Gruppe aus…Z und J ließ ich dort zurück…
ich blockte X in sozialen Netzwerken…einzig die Handynummer blieb aktiv…denn ich war mit ihr noch nicht fertig…

am nächsten Morgen kam die Nachricht auf die ich gewartet habe…“warum bist du raus?“
…“ich ertrage das nicht mehr“…sofort wurde der Verständlichkeitsmodus angeworfen…allerdings hatte meine doch so beste Freundin nur noch zwei Sätze für mich über…schade…einen dritten mit einer Entschuldigung hätte ich mir schon gewünscht…also ließ ich die Bombe platzen…“ich lass mich ungern verarschen, X“….ab da wurde es für uns zwei ungemütlich und deshalb ist die Geschichte hier zu Ende…sie hat mich dann innerhalb von wenigen Minuten mit meiner Nummer geblockt….

tja was soll ich sagen?
Am Ende ist die Totgesagte/ -geweihte für mich wirklich gestorben.
So schnell kann das manchmal gehen…

ich habe in den letzten 48h an meiner Gutmütigkeit gezweifelt…und darum war ich um so dankbarer für Nachrichten wie diese:
„Fühl dich lieb gedrückt…. Und bleib wie du bist mit deinem Mitgefühl, Empathie und mit deiner Hilfe… Du hast nix falsch gemacht du bist wenn, leider nur an den Falschen Menschen geraten“

stimmt, die Person hat recht…nur weil es schwarze Schafe gibt, erschießen wir ja auch nicht alle weißen, weil daraus schwarze entstehen könnten…
puh…naja ihr wisst was ich meine…

was wollte ich mit diesem Beitrag bezwecken?
zum einen musste ich mein Erlebtes verarbeiten…das kann ich am Besten wenn ich schreibe…
zum anderen möchte ich euch sagen, schaut einfach einmal mehr hin…vertraut auf euer Bauchgefühl…meistens ist da doch irgendwas dran…

und auch wenn ich immer wieder auf so ein schwarzes Schaf treffen kann, ich werde meine Menschlichkeit nicht an den Haken hängen…

und für die, die hier kommen und sagen „Beweis das das stimmt“…ich muss hier überhaupt nichts beweisen…ich habe meine Beweise für mich…das reicht…und ausserdem ist es einfach eine Geschichte…wenn du Parallelen siehst, dann behalte sie für dich und bau ne Brücke

7 Antworten auf „Das Vermächtnis einer kranken Frau“

  1. Ich bin selbst unheilbar an krebs erkrankt und bin in einigen Krebsgruppen.Und ja ich denke ich weiß von welcher Person hier die Rede ist.Das Thema um diese Person die ihre Krankheit erfunden hat,hat die Runde gemacht.
    Das tut mir für dich persönlich sehr Leid das sie dich Emotional total ausgenutzt hat

  2. Ich bin entsetzt., sprachlos, traurig….. ich hab schon mal erlebt, das jemand eine Krebserkrankung vorgetäuscht hat. Damals habe ich es mitbekommen, weil ich Hilfe in einer Facebook Gruppe gesucht hatte, weil meine Mum leider an Krebs erkrankt ist.
    Schon damals fand ich das echt krass. Aber DAS HIER übertrifft das ganze echt.

    Bleib stark und verlier dein großes Herz nicht! ❤️

  3. Hey, ich schicke dir Grüße und bedanke mich für deine Sicht und Einschätzung. Ich war nie so dicke mit X wie andere, habe nur eine Postkarte geschickt, aber täglich an sie gedacht, Beiträge gelesen und kommentiert. Ich habe sogar im privaten Umfeld von ihr erzählt und bis heute noch nicht erwähnt, dass meine Gedanken – sorry – für den Arsch waren. Gerade gestern habe ich auf der Arbeit von einem Kollegen ein Dankeschön gehört für mein Engagement neben der Arbeit um Kollegen eine Freude zu machen. Das kam ganz unerwartet und hat mich wieder glücklich gemacht, Kraft und Dinge in Menschen zu investieren.

    Ich kann nicht verstehen wie X eine Krankheit missbrauchen kann um sich zu bereichern. Aber in gewisser Weise hat sie mich bereichert. In meinem privaten familiären Umfeld bin ich wieder mit viel offeneren Augen gegangen und mir viel bewusster Zeit genommen für Menschen, die ich liebe.♥ Das entschuldigt ihr Verhalten in keiner Weise, aber es ist doch erbaulich etwas positives aus einer Situation zu ziehen, die unangenehm ist.

    Genug von mir.. ich finde dich sehr mutig. Mutig, dass du deine Erlebnisse teilst, denn damit bestärkst du einige Menschen mit dem Kapitel X abzuschließen. Es wurden viele emotional verletzt. In so einem Moment die Wahrheit auszusprechen erfordert Stärke. Danke dafür. Ich denke, du bist für viele eine Inspiration.

    Liebe Grüße
    Stefanie

  4. Fühl dich gedrückt.
    Ich selbst hatte auch Kontakt mit X auch Privaten.
    Ich musste das erstmal heute mit meinem Therapeuten besprechen.
    Mein Vater hat seine Frau an Krebs (Brustkrebs) verloren.
    Ich bin schockiert über so ein Asoziales Verhalten…

  5. Einige hätten sicherlich vor Wut das Ganze bspw. öffentlich in die Gruppe geschrieben. Stattdessen hat die Autorin abgewartet, sich Gewissheit verschafft und das Ganze auf eine für sie gesunde Art beendet. Meinen Respekt an die Autorin! Ihr Verhalten zeigt wahre Größe und Menschlichkeit.

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